Grammatik der Körpersprache

Die Körpersprache ist ein eigenständiges komplexes Kommunikationssystem. Sie kann das Gesprochene belegen, aber auch widerlegen. Immer mehr Psychotherapeuten, Pädagogen, Berater und Coachs machen sich daher auch die Körpersprache zunutze, um das innere Erleben des Gegenübers offen zu legen und richtig zu deuten. Doch wie kommt es, dass es vielen Therapeuten und Beratern so schwerfällt, die Sprache des Körpers zu beherrschen? Dass wir unsere Körpersprache nur teilweise kontrollieren können? Welches Regelsystem steckt dahinter? Kann eine identische Körperbewegung, von verschiedenen Menschen ausgeführt, dieselbe Bedeutung haben? Wie generiert das Gehirn eines Therapeuten Bedeutungen aus der Körpersprache eines Patienten? Die „Grammatik der Körpersprache" geht diesen und vielen anderen Fragen erstmalig auf der Basis aktueller Erkenntnisse z. B. aus der Hirn-, Sprach-, Entwicklungs- und Körperforschung nach. Mehrere anschauliche Fallvignetten, gezielte Anleitungen zur Durchführung einer Bewegungsanalyse und 60 in der Praxis erprobte Übungen ermöglichen es, körpersprachliche Phänomene sofort in die Praxisarbeit zu integrieren.

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Hrsg: S. Trautmann-Voigt / B. Voigt, Schattauer Verlag 2012  Preis: 45,-- €

Rezension aus der Zeitschrift "neuro aktuell": Körpersignale entschlüsseln und nutzen geschrieben von Herrn Dr. F. Katzenmeier

"Die Psychotherapie befindet sich auf dem Weg zu einer Formulierung der Körpersprache" (Aus dem Vorwort von E. Sachsse).
Nach einleitender Begriffserklärung für den psychotherapuetischen Kontext folgt eine historische Übersicht -von Bioenergetik über konzentrative Bewegungstherapie bis zu Tanztherapie. Bemerkenswert dabei dieser Satz: "Das Gehirn ist eine soziale Konstruktion" Es folgt eine Darstellung der Grundelemente der Körpersprache (KS) mit Ritualen und Konvention im Kontext sozialen Handelns und die  kommunikative Bedeutung der Körperteile. Wichtig für die Praxis ist das Kapitel "Angeborene Reflexe, Entwicklung des Gehirns und Bedeutung der fünf Sinne" Intraunterine körpersprachliche Interaktionsphänomen, pränatale Bindung, frühkindliche Reflexentwicklung werden eingehend und instruktiv dargestellt, ferner "Körpersprachliche Reifung und frühkindliche Hirnentwicklung" anhand der Entwicklung des Neugeborenen. Dabei kommt der sozialen Umwelt Bedeutung zu, besonders in negativer Hinsicht, z.B: bei Schreikindern oder andere Dysfunktionen auf Grund fehlgelaufener früher Elementarerfahrungen, die aufbewahrt werden.
Das Kapitel "Psychotherapie als rythmisch-dynamischer Handlungsdialog" leitet dazu an, die "Körpersprache zu lesen". Dabei werden Körer, Raum, Antrieb, Form und Moivation als Elelment des therapeutischen Ausdruckstanzes analysiert. Der Rezensent räumt ein, mit dem Kapitel "Movement-Profile" nach Kestenberg Problme zu haben, die er mit dessen Überschrift "Kritik am KS-Konzept" teil. Aus einem Bewegungsmuster wie "hopsend, puschend" auf ein phallisches oder wie "laufenlassen, unbegrenzt" auf ein urethrales Triebmuster zu schliessen, ist doch wohl eher unfreiwillig Komik als ernsthafte Wissenschaft (Bei uretheral trippeln mit tröppeln verwechselt?). Wie es überhaupt schwierig sein dürfte, innerpsychische Vorgänge 1:1 mit körperlichen Vorgängen korrelieren zu wollen. Dabei ist unbestritten, dass "Haltung" sowohl eine körperliche wie personale psychische Komponente hat. Die nachfolgenden Ausführungen geben die theoretischen Grundlagen für das Erfassen typischer Bewegungsmuster in Diagnostik und Therapie psychischer Störungen an und stellen dabei nochmals auf evolutionäre Przesse ab. "Körpererinnerungen stamen aus verschiedenen Entwicklungsphasen", wobei es zu einer Verkörperlichung von Traumen komme. (Hier sei an neuere Erkenntnisse der Bindungs- und Traumaforschung erinnert - "Psychoanalyse, Neurobiologie, Trauma" aus dem Schattauer Verlag 2008 von Leuzinger-Bohleber u.a.)

Ein praxisbezogenes Fallbeispiel geht sehr instruktiv auf emotionale Störungen und solche Bindungsfähigkeit im Kindesalterein. Dabei kommen Rollenspiel, Tanz und Improvisation zum Einsatz. "Körpersprachlich symbolisierte Themen geben dem Kind die Möglichkeit, sich allmählich in seinem Tempo an schwierige Themen heranzutasten". Weiterhin wird der Einsatz dieses Verfahrens bei depressiven Störungen der Persönlichkeit, Sucht und PTBS anhand von Fallstudien bei Erwachsenen analysiert.

Den Abschluss machen allgemeine Hinweise zur Anwendung , Übersichten in Tabellenform und Übungsbeschreibung und Hinweisen für die bewegungsanalytische Praxis. Ein Verzeichnis der speziellen Literatur schliesst sich an. Das Buch enthält zwangsläufig einen umfangreichen theoretischen Teil mit Vorstellung eines Verfahrens, das bislang ausserhalb der damit arbeitenden Psychotherapeuten wohl nur einen geringen Bekanntheitsgrad hatte. Nach der Lektüre des Buches dürfte dies anders sein, selbst wenn sich die Methode nicht in allen Bereichen psychiatrisch-psychosozialer Versorgung etablieren lassen wird. Über den ärztlichen Bereich hinaus ist das Buch allen Einrichtungen zu Empfehlen, die mit "Psychohygiene" i.w.S. zu tun haben.

Vermisst wird allerdings ein Kapitel, das sich mit sozialmedizinisch relevanten Fragen wie etwa die Übernahme von Kosten durch Versicherungen, Kriterien für eine akzeptierte Indikation, Effizienz und Verwendbarkeit in Reha-Verfahren sowie katamnestischen Untersuchungen zum Nachweis eines nachaltigen Therapieeffektes befasst. Solche Daten sind womöglich jetzt noch nicht verfügbar, sollten aber in einer eventuellen Neuauflage nicht fehlen. Da das Buch und damit die Methode viele Elemente des Spiels enthält, sei abschließend an den Ausspruch des Philosophen Huizinga erinnert: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt"

(Zeitschrift "neuro aktuell" Ausgabe vom 02.11.202)