Jugend heute

Zwischen Leistungsdruck und virtueller Freitheit

Sind die Jugendlichen faul oder computersüchtig? Sie die Alten "von gestern", wenn sie die virtuelle Zukunftswelten und extreme Killerspiele nicht verstehen oder schlicht ablehnen? Hört die Jugend heute wirklich später auf als früher ("prolongierte Adoleszenz") mit 30,  mit 40 oder nie? 

Angesichts der veränderten Lebenswelt befasst sich dieser Band mit einigen der Herausforderungen, denen Jugendliche sich gegenwärtig stellen müssen. Stress, Burnout, Depressionen und Phobien bis hin zu rasant steigenden Suizidzahlen bei Schülern sind nur einige Symptome, die nicht zuletzt durch Reformen wie G8 und Pisa ausgelöst werden. Die Beiträger dieses Bandes zeigen auf, ob und wie Psychotherapeuten, Lehrer und andere die heutige Jugend mit professionellen Mitteln unterstützen können.

Mit Beiträgen von Oliver Bilke-Hentsch, Michael Borg-Laufs, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Silke Brigitta, Jürgen Junglas, Heiner Keupp, Uwe Labatzki, Marie.Gabriele Massa, Marion Schwarz und Sabine Trautmann-Voigt Psychosozialverlag  

 

 

Rezensionen zum Buch "Jugend heute"

 

Rezension zu Jugend heute

Papa–ya. Das Magazin für kindgerechte Familienpolitik. Sonderedition 3/2013, Nr. 26

Rezension von BK

Jugend heute

Die Herausforderungen für unsere Jugend haben sich gewandelt: Stress, Burnout, Depressionen und Mobbing finden Ausdruck in steigenden Suizidzahlen bei Schülern. Die Lebensumwelt hat sich für unsere Kinder verändert: Während früher die Großfamilie prägte, sind es heute Facebook oder Youtube, und ganze Produktpaletten von Videospielen haben für sich die Jugend als Zielgruppe definiert. Die Fachleute Sabine Trautmann-Voigt (Dr. phil., psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin in eigener Praxis in Bonn, Tanztherapeutin, Leitung des Deutschen Instituts für Tanztherapie und Ausdruckstherapie) und Bernd Voigt (Dr. med., Facharzt für psychotherapeutische Medizin in eigener Praxis, Leiter der Köln-Bonner Akademie für Psychotherapie) versuchen, Antworten zu finden. Ein gut recherchiertes Fachbuch für Fachleute. (BK)

 

www.socialnet.de

Rezension von Prof. Dr. Dirk Plickat

Sabine Trautmann-Voigt, Bernd Voigt: Jugend heute. Zwischen Leistungsdruck und virtueller Freiheit

Herausgeberin / Herausgeber und Thema
Die Herausgeber, Sabine Trautmann-Voigt ist als Gymnasiallehrerin und Therapeutin tätig und Bernd Voigt arbeitet als Mediziner und Therapeut , greifen mit einem Kreis renommierter medizinischer und therapeutischer Kolleginnen und Kollegen die Problematik der hilflosen Helfer auf. In Standortbestimmungen wird mit klinischen Blicken, exemplarischen Konkretisierungen und Interviews vergegenwärtigt, welche Belastungen Jugendliche heute erkranken lassen. Professionelle Hilfen bei Ängsten, Depressionen, Überlastungen, Verunsicherungen, Orientierungsproblemen und Leistungsdruck sind längst fester Bestandteil jugendlichen Alltags bürgerlicher Kreise. Dort, wo beispielsweise Schulleistungsvergleichsstudien mit Bezugnahme auf die soziale Herkunft öfter auf elterliche Unterstützungsleistungen als Wirkfaktor für Schulerfolg verweisen, setzen die Standortbestimmungen an und bieten Einblicke in Lebenswelten, deren Funktionstüchtigkeit von therapeutischen Angeboten im Sinne zusätzlicher Ressourcen abhängt. Therapeutische Hilfen entwickeln sich voranschreitend von Ausnahmeangeboten für wenige zu unverzichtbaren Regelangeboten im Prozess des Aufwachsens, was weitreichende Fragen aufwirft.

Aufbau und Inhalt
Mit klarer Struktur und einer für therapeutische Laien leicht verständlich gehaltenen Sprache bietet die Darstellung eine Art von Reisebericht durch die Landschaft zentraler Problemlagen heutigen Aufwachsens und zeigt zugleich anhand von Beispielen auf, welche therapeutischen Instrumentarien zum rekonstruktiven Verstehen, für ein Ermutigen, Stabilisieren und Befähigung Anwendung finden.

Im Editorial bieten die Herausgeber Einführungs- und Verständnishilfen zu den Feldern der Betrachtungen unter therapeutischen Blickwinkeln und konfrontieren mit grundlegenden Fragen zu Rahmensetzungen, Sinn und Funktion therapeutischer Hilfen für Jugendliche heute. In elf pointierten Einzelaufrissen, die jeweils eigenständige Darstellungen sind und sich daher auch einzeln lesen lassen, werden Zeitsignaturen von Jugend heute phänomenologisch entwickelt.

So umreißt Heiner Keupp die »Un(-)möglichkeit erwachsen zu werden«. Jürgen Junglas thematisiert zum Thema Partizipation Jugendlicher den Wechsel vom Objekt zum Zukunft gestaltenden Subjekt. Klaus Fröhlich-Gildhoff sieht Resilienzstärkung als zentrales Förderpotential für Selbstkonzepte jugendlicher Lebensbewältigung, Oliver Birke-Hentsch lenkt den Blick auf pathologische Formen von Netzkonsum und Abhängigkeiten. Diese kritischen Auseinandersetzungen mit den neuen Medien werden durch die Beiträge von Uwe Labatzki »Events Occur in Real Time« und Michael Borg zur Selbstmanagementtherapie und Web 2.0 vertieft. Sabine Trautmann-Voigt lenkt den Blick auf jugendliche Mütter. Das Verstehen und Erreichen traumatisierter Jugendlicher wird von Silke Birgitta Gahleitner verhandelt. Marion Schwarz zieht Bilanz bisheriger Professionalisierungsreformen in der Ausbildung von Therapeutinnen und Therapeuten. Und schließlich gelingt es Sabine Trautmann-Voigt mit Interviewauszügen junger Menschen, authentisch die Sichtweisen Heranwachsender auf Bedrohungen und zu oft nicht zu bewältigende Herausforderungen zu veranschaulichen.

Diskussion
Die Beiträge eröffnen dem Leser Einblicke in aktuelle Grundlegungen jugendtherapeutischer Konzepte zu Problemen wie Entgrenzungen und Entsicherungen, Segmentierungen, Diffusitäten im Erleben und Teilhaben an realen und virtuellen Welten, Stressoren jugendlicher Alltags- und Lebensgestaltung sowie Kernfragen von Identität. Ausgewiesen werden Potentiale und Grenzen juveniler Bewältigungsstrategien, Such- und Orientierungsprozesse sowie kritisch-konstruktive (Be-)Handlungsansätze . Aufgezeigt wird aber auch, dass eine Ausweitung und Ausdifferenzierung therapeutischer Hilfen nicht als Zukunftsperspektive genügen kann. Angesichts von Reichweite und Intensität angerissener Problemlagen therapeutischen Handlungsbedarfs ist es erfreulich, dass auch Professionalisierungsansprüche und Anforderungen der Qualitätssicherung; hier besonders der Stellenwert hinreichend berücksichtigter sowie intensiver, kritisch reflektierter Felderfahrungen im Rahmen standardisierter Hochschulausbildungen und Praxisphasen eingefordert und bestätigt wird. Als besonders hilfreich erscheint schließlich vor dem Hintergrund der vielschichtigen Entfaltung von Herausforderungen an therapeutischen Ansatzpunkten die Einbindung von Interviews mit Jugendlichen. Mit diesen Äußerungen gewinnen die Aussagen der Einzelbeiträge an Schärfe und nachvollziehbarer Relevanz, vor allem wohl auch für den Leserkreis, derjenigen, die mit Therapeutinnen und Therapeuten kooperieren, ohne selber über therapeutische Ausbildungen zu verfügen.

Das Kompendium der Beiträge lenkt Blicke auf bürgerliche Kreise und damit auf Jugendliche aus Bevölkerungsgruppen, die in Fachdebatten öfter im Sinne von Gewinnern in Modernisierungsprozessen genannt werden. Entsicherungen, Entgrenzungen, Ängste und Herausforderungen, die soweit überfordern , dass eben auch diejenigen, von denen in besonderer Weise spätere Lenkungs- und Leistungsfunktionen erwartet werden, diesen Erwartungen nicht genügen können, sollten nachdenklich stimmen. Denn, wenn die gesellschaftlichen Kreise, die exponiert gesellschaftliche Leitideen tragen, an dieser Last zu zerbrechen drohen, sind Sinn- und Zukunftsfragen offenkundig. Es ist ein Verdienst der Herausgeber und der einzelnen Autorinnen und Autoren, dass sie interessierten Laien nachvollziehbar aufzeigen, dass Heranwachsende aus der»sozialen Mitte« intensiver professioneller Hilfen bei Übergängen bedürfen. Diese therapeutischen Hilfen sind im Gegensatz zum Übergangssystem für benachteiligte Heranwachsende (noch?) nicht Inhalte einer Politik der Maßnahmen, wenngleich sie bei aller Verschiedenheit nur andere Wege und Instrumente des Unterstützens nutzen. Professionelle Hilfe und Therapie können Jugendlichen und damit auch der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung letztlich nur etwas Zeit und einzelne, oft verinselte Ansatzpunkte des Stabilisierens bieten. Sie können jedoch nicht an die Stelle politischer Lenkungen treten und die Frage um Weichenstellungen und Zukunftsperspektiven ersetzen.

Fazit
Eine Publikation, die bei Lektüre weitaus mehr bietet, als Titel und Klappentext vermuten lassen. Besonders für Nicht-Therapeuten werden Zugänge für interdisziplinäre Dialoge der dringend und drängend anstehenden Justierung von Hilfe ermöglicht, denn Kooperation setzt Verstehen der Kooperationspartner voraus. Die Individualisierung von Strukturdefiziten prägt heutige Prozesse des Aufwachsens; dies vielschichtig, fundiert und trotzdem leicht verständlich für die Seite psychotherapeutischer Hilfen mit ausgewählten Standortbestimmungen und Hilfen für Jugendliche aus der »Mitte« aufgezeigt zu haben, ist wohl die prägnanteste Leistung der Darstellung.

Rezensent
Prof. Dr. Dirk Plickat
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel Fachbereich Fakultät Handel und Soziale Arbeit. Nach langjähriger eigener pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig

 

 

EuWis. Zeitung »Erziehung und Wissenschaft im Saarland« des Landesverbandes der GEW im DGB. 59./60. Jahrgang, Dezember 2013/Januar 2014, S. 20

Rezension von Klaus Ludwig Helf

Jugend heute

Das 12. Bonner Symposium zur Psychotherapie in Kooperation mit der Jahrestagung der Deutschen Fachgesellschaft für Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (DFT) stand im Jahre 2012 unter dem Thema: ›Jugend heute im Spagat zwischen Web 2.0. und Abi 1.0‹.

Als zusammenfassendes Ergebnis der Tagung haben Sabine Trautmann-Voigt und Bernd Voigt – als Psychotherapeuten in der Leitung der Köln-Bonner Akademie für Psychotherapie (KBAP) tätig – den vorliegenden Band herausgegeben, der zwei Aufgaben hat. Zum einen soll er einige Antworten auf Fragen zum Thema Jugend heute geben, zum anderen einen »weiteren Beitrag dazu leisten, dass sich kulturelle und gesellschaftliche Reflexionen und der aktuelle psychotherapeutische Diskurs gegenseitig bereichern« (S. 16). Dies ist zweifellos sehr gut gelungen in diesem übersichtlich gestalteten und auch für psychotherapeutische Laien verständlich und klar formulierten Reader.

Die Beiträge geben wertvolle Hinweise und Handlungsanweisungen, ob und wie Psychotherapeuten, Pädagogen und Eltern der heutigen Jugend auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse professionelle Hilfe und Unterstützung geben können. Nach dem Editorial der beiden Herausgeber folgen zehn psychotherapeutische Fachbeiträge und am Schluss Interviews mit sechs jungen Menschen und einer Mutter.

Die Lebenssituation von Jugendlichen sei in der heutigen sozialen Lebenswelt durch eine »eigentümliche Spannung« gekennzeichnet: einerseits hohe Freiheitsgrade bei der Gestaltung der eigenen individuellen Lebensweise, andererseits sei diese erkauft durch die Lockerung und den Verlust von sozialen und kulturellen Bindungen. Daraus ergeben sich auch eine »zunehmend soziale und kulturelle Ungewissheit«, eine moralische und wertemäßige Widersprüchlichkeit und eine erhebliche Unsicherheit in den Perspektiven für die Zukunft. »Deswegen bringen die heutigen Lebensbedingungen auch so viele neue Formen von Belastungen mit sich, Risiken des Leidens, des Unbehagens und der Unruhe, die teilweise die Belastungskapazität von Jugendlichen überfordern. Sie zahlen … einen ›hohen Preis‹ für die fortgeschrittene Industrialisierung und Urbanisierung, der sich in körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen ausdrückt« (S. 20).

Gesellschaftliche Erwartungen und Bilder von Jugend und individuelle Muster der Lebensführung spielen bei der Organisierung und Bewältigung des Alltags eine entscheidende Rolle, ebenso biologisch bedingte Veränderungen und vor allem auch die sozioökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen und Ressourcen.

Welche Kompetenzen brauchen Heranwachsende, um in einer sich wandelnden, globalisierten Netz–Gesellschaft handlungsfähig sein zu können? Die Jugendlichen selbst fühlten sich – so Heiner Keupp – durch Elternhaus und Schule ungenügend vorbereitet. In seinem Beitrag macht er fundierte praktische Vorschläge zur Förderung von nachhaltigen Ressourcen und zur Gewinnung von Lebenssouveränität bei Heranwachsenden.

Im Zusammenhang mit dem pathologischen Internet- und Medienkonsum, der in den nächsten Jahren sicher zunehmen werde, schlägt Oliver Bilke-Hentsch vor, dies nicht zu verharmlosen, sondern ausgereifte Konzepte zu entwickeln, die weder Dramatisieren noch Bagatellisieren oder gar Kriminalisieren. Er warnt zu Recht vor einer »Überinterpretation und Pathologisierung heute völlig normaler und häufiger Verhaltensweisen« und vor einem »grundsätzlichen Nicht-ernst-Nehmen« (S. 88).

Uwe Labatzki brilliert in seinem »Versuch einer unaufgeregten Betrachtung und Einordnung« der neuen und alten Medien in die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen: Nicht die Medien per se seien das Problem, sondern dieses liege in der Natur des Menschen und seiner Lebensweise; Medienkompetenz gehöre daher zu den beruflichen und persönlichen ›skills‹ des postmodernen Menschen. Die altersgemäße und ganzheitliche Heranführung an alle Medien (inklusive der Spiele) sei ein Bildungsauftrag. In Anlehnung an Joe Lichtenbergs biologisch-psychologische Motivationssysteme schlägt er das Konzept eines »sicheren Hafens« vor: »Orientierende und strukturierende Lebenskontexte (›Grenzen‹ sowie Werte und Regeln) mit einfühlsamen Bezugspersonen auf der Basis einer sicheren Bindung … schützen Kinder und Jugendliche vor Mediengefahren« (S. 104).

Der vorliegende Band zeigt anregende und kreative Perspektiven und Strategien für Bewältigung der Herausforderungen, denen sich Jugendliche (und Pädagogen und Eltern) gegenwärtig stellen müssen.

Klaus Ludwig Helf

 

Impulse, Newsletter zur Gesundheitsförderung, Dezember 2013, S. 28

Rezension von (ib)

Jugend heute

Das Erwachsenwerden war schon immer eine große Herausforderung für Jugendliche. Der vorliegende Band gewährt einen Einblick in die Probleme des Erwachsenwerdens angesichts der veränderten Lebenswelten. Steht die Jugend gegenwärtig vor anderen Entwicklungsaufgaben als »früher«? Wie hat sich die Partizipation Jugendlicher in der Gesellschaft über die Jahre hinweg verändert und welche Gefahren oder Möglichkeiten bringen die neuen Medien mit sich? Es werden Ansätze aufgezeigt, wie Eltern, Lehrkräfte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten die heutige Jugend in diesem Prozess des Erwachsenwerdens mit professionellen Mitteln unterstützen können. Konkrete Therapieansätze, aber auch die Veränderungen im Berufsbild der Psychotherapie durch angepasste Studiengänge werden angesprochen. (ib)

 

DZI. Soziale Arbeit. Zeitschrift für soziale und sozialverwandte Gebiete, 62. Jahrgang, 12.2013, S. 522

Rezension von Heidi Koschwitz

Jugend heute. Zwischen Leistungsdruck und virtueller Freiheit

Im Kontext des gestiegenen Leistungsdrucks an Schulen und Universitäten entwickeln sich bei Jugendlichen in den letzten Jahren häufiger stressbedingte psychische Probleme wie Burn-out, Phobien oder Depressionen, was eine erhöhte Suizidneigung mit sich brachte. Im Rahmen einer Betrachtung relevanter Hintergründe und Interventionsansätze befasst sich dieser Sammelband mit Themen wie der mangelnden Partizipation Jugendlicher aus schwächeren sozialen Schichten, der Stärkung der Resilienz, dem Internet- und Medienverhalten und dem sozialen Druck auf frühe Mütter. Weitere Beiträge widmen sich der Therapie bei Traumatisierungen, dem Einsatz von Bewegung, Musik und Tanz im Lernalltag und der psychologischen Berufsausbildung. Das Buch zeigt auf, wie Fachkräfte aus verschiedenen Professionen die nachwachsende Generation unterstützen können.

 

Rezension von Dr. Thomas Ebinger

a+b Für Arbeit und Besinnung. Zeitschrift der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Sabine Trautmann-Voigt, Bernd Voigt (Hrsg.),
Jugend heute. Zwischen Leistungsdruck und virtueller Freiheit

Sammelbände sind manchmal ein Graus: Oft werden Texte untergebracht, für die sich als Monographie niemand interessieren würde, abseitige Themen und Fragestellungen. Dieser hingegen ist ein Genuss. Obwohl ich zum Thema Jugend schon vieles gelesen habe, waren mir zahlreiche Fakten und Perspektiven neu. Vermutlich liegt es daran, dass die meisten Texte aus Vorträgen entstanden sind, die beim 12. Bonner Symposium zur Psychotherapie vor Fachpublikum gehalten wurden. Damals lautete der Untertitel noch etwas griffiger »›Jugend heute‹ im Spagat zwischen Web 2.0. und Abi 1.0«.

Der Blick der Fachleute mit psychologischem oder sozialwissenschaftlichem Hintergrund auf heutige Jugendliche ergänzt und vertieft das Bild, das Jugendstudien meist aus Sicht der Jugendlichen zeichnen. Heiner Keupp beschreibt anschaulich die Normalitätskrise unserer spätmodernen Gesellschaft, in der gar nicht mehr klar ist, was als normales Erwachsensein zu gelten hat. Ein extremer Wertewandel von der Maxime Selbst-Kontrolle über Selbst-Verwirklichung hin zum neuen Leitbild Selbst-Management hat stattgefunden und stellt Jugendliche wie Erwachsene vor große Herausforderungen (S. 27–29). Entsprechend wollen Jugendliche, wie Jürgen Junglas darstellt, heute mehr Partizipation als früher und haben auch rechtmäßigen Anspruch darauf. So gilt zwischen Eltern und Kindern eine wechselseitige Beistands- und Rücksichtspflicht (BGB §1619). In Fragen der Erziehung sollen Eltern die wachsenden Fähigkeiten ihrer Kinder zu selbstständigem verantwortungsbewusstem Handeln berücksichtigen und bei Fragen der elterlichen Sorge nach einer Besprechung mit ihrem Kind Einvernehmen anstreben (BGB §1626 Abs. 2).

Klaus Fröhlich-Gildhoff stellt vor, wie sich die Resilienz von Jugendlichen stärken lässt, also die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber starken Entwicklungsrisiken und psychischen Belastungen. Das Vorhandensein stabiler und wertschätzender Beziehungen zeigt sich hier als stärkster Schutzfaktor, auch das Erfahren von Sinn und das Wissen um die Bedeutung der eigenen Existenz im Rahmen eines persönlichen Glaubens trägt zur Resilienz bei (S. 64f).

Erfreulich nüchtern und wenig alarmierend sind die Beiträge zur Mediennutzung Jugendlicher und zu sozialen Netzwerken. Statt eine drohende digitale Demenz heraufzubeschwören wird nüchtern abgewogen und es werden auch die Chancen beschrieben, die das Internet bietet. Unter fachkundiger psychotherapeutischer Anleitung kann man durchaus auch online wertvolle positive Rückmeldung erhalten und lernen, aus virtuellen Freundschaften echte Freundschaften zu machen (S. 116f). Facebook-Fans werden Sätze wie diesen gern lesen, der sich gegen die Pathologisierung intensiver Internetnutzung wendet: »Insbesondere ist dabei noch zu berücksichtigen, dass die Hauptnutzung des Internets durch Jugendliche insbesondere in der Pflege sozialer Kontakte (via sozialer Online-Netzwerke) besteht, und kontaktbezogenes soziales Verhalten als ›Sucht‹ zu bezeichnen erscheint wenig sinnvoll.» (S.115)

Gut gefallen hat mir auch die übersichtliche Darstellung der Theorie psychischer Grundbedürfnisse im Jugendalter durch Michael Borg-Laufs als da wären: Bindung, Orientierung/Kontrolle, Selbstwertschutz/Selbstwerterhöhung sowie Lustgewinn/Unlustvermeidung. Wenn es gelingen würde, in unserer Arbeit mit Jugendlichen diese vier zu berücksichtigen, wäre viel gewonnen! Auch die Erfahrungen der Psychotherapeutin Silke Birgitta Gahleitner im Umgang mit schwer erreichbaren, traumatisierten Jugendlichen sind anregend und ermutigen, Kontakt zu professioneller psychotherapeutischer Hilfe aufzunehmen und zu vermitteln, wo nötig.

Fazit: Ein Sammelband, den man gerne liest und guten Gewissens seiner Buchsammlung einverleiben kann.

Dr. Thomas Ebinger, Stuttgart